Zugfahrt

Trillerpfeiffe. Die Türen klappen, die Schlösser schnappen, der Zug fährt an.
Sie sitzen sich gegenüber. Zufällig. Er und Sie. Sie blickt aus dem Fenster, verfolgt mit zuckenden Pupillen die vorbeihuschenden Bäume und Sträucher, lässt den Blick ab und zu auf einem Kratzer in der Scheibe ruhen und sieht immer wieder kurz zu ihm herüber. Er betrachtet scheinbar interessiert die aufgeschlagene Seite in dem Buch auf seinem Schoβ. Aber es sind nur seine Augen, die sich mit der Schrift und den Bildern beschäftigen, und sie vereinen sich immer nur mit seinen Gedanken, wenn sie sich wieder an den oberen Rand der Seite vortasten, um kurz darüber hinaus zu wandern, zu ihren Beinen, ihrer Taille, Pullover, Kette, Hals - um bei der geringsten Bewegung von ihr schnell wieder zurück zu hasten.
Sie finden sich anziehend. Gibt es so etwas, einfach zu fühlen, dass dort ein anderer Mensch ist der zu einem passt? Egal wie, egal warum! Ihn nicht zu kennen und doch Vertrautheit zu spüren, ihn noch nie gesehen oder wahrgenommen zu haben und Geborgenheit zu finden, nur durch seine Nähe. Das Herz pocht etwas schneller, eine zufällige Berührung zeugt einen heiβen Kreis auf der Haut und man kann sich auf nichts anderes mehr konzentrieren.
Wie Kontakt knüpfen, wie seine Zuneigung zeigen, wenn es keine passenden Worte gibt?
Cool bleiben, ruhig bleiben, es geht schon vorbei!
Was gäbe sie darum ihn nach einer Zigarette fragen zu können, aber sie sitzen im Nichtraucher und sie hatte den richtigen Augenblick verpasst um sich das Rauchen anzugewöhnen. Er überlegt krampfhaft ob er sie nicht schon einmal irgendwo gesehen hat, mit jemanden den er kennt. Ihre Gedanken verweilen im Absurden, ihre Augen wandern nachlässig durch das Abteil, als das unausweichliche passiert: Blickkontakt!
Sie: Aschenbecher, Wiese.
Er: nächster Absatz.
Rasende Herzen.

"Haben wir uns nicht schon einmal gesehen?"
"Nicht dass ich wüsste, aber kann schon sein. Ich habe manchmal ein schlechtes Gedächtnis."
"Wer nicht. Ich hatte ja auch nur so ein Gefühl. Wo steigst du aus?"
"Nächste Station."
"Ich auch."
"Wohnst du dort oder besuchst du jemanden? Entschuldigung - ich will ja nicht neugierig sein."
"Ist schon ok. Ich wohne gleich zwei Straβen hinter dem Bahnhof."
"Aber noch nicht lange. Oder du fährst kaum mal mit der Bahn!"
"Erst vierzehn Jahre und mit der Bahn fahre ich nur täglich."
"Das ist ja komisch! Dann haben wir uns vielleicht doch schon mal gesehen."
"Wo willst du hin?"
"Ich muss noch mit dem Bus weiter. Vier Haltestellen."
"Ach ja? Mit welchem? Der zum Bahnhof kommt, oder der wegfährt?
Das ist in kleinen Orten doch das Praktische: man kann nie falsch einsteigen!"
"Aber Warten ist angesagt."
"Stimmt, und deshalb macht das Café gegenüber garantiert nicht pleite."
"Mein erstes Ziel."

Sie steigt bestimmt nicht aus. Er fährt garantiert noch weiter. Ihre Münder bleiben verschlossen. Die Zeit schreitet voran. Der Mann neben ihr blättert in seiner Zeitung und stöβt gegen sie. "Entschuldigung." "Macht doch nichts." Ihre Stimme! Dieses Lächeln! Wie kann die Schönheit eines Gesichts durch ein Lächeln noch ins unermessliche gesteigert werden? Ein verzerrter Mund, ein paar Falten.
Der Zug verliert an Fahrt. Der Ort wird sichtbar, der Bahnhof. Sie stehen beide auf. Er steigt vor ihr aus und blickt kurz zurück. Sie lächeln sich gegenseitig an. Nur für einen Moment. Irgendjemand ärgert sich über irgendetwas und flucht. Zwei Menschen begrüβen sich mit einer Umarmung, zwei andere nehmen Abschied. Ein paar Kinder lachen.
Es ist laut in ihren Ohren und still in ihren Herzen. Die Luft riecht heute anders, ein bitterer Geschmack liegt auf der Zunge. Ihre Füβe tragen sie auseinander, doch nicht ihre Gedanken.
Trillerpfeiffe. Die Türen klappen, die Schlösser schnappen, der Zug fährt wieder an.