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Der Routinierte Er sah aus dem Fenster. Es regnete. Auf dem Tisch vor ihm lag ein Heft. Die erste Seite war aufgeschlagen. Die exakten Linien quollen senkrecht zur Heftmitte aus dem Spalt zwischen Umschlag und Schreibpapier und lieβen einen breiten, schneeweiβen Rand zur äuβeren Längsseite. Neben dem Heft lag ein hübscher Füllfederhalter, dessen blaues Kunststoffgehäuse weder zerkratzt noch beschmiert war. Eine neue Tintenpatrone war eingelegt. Er wollte Schriftsteller werden, doch bisher waren seine Versuche, ein Buch zu schreiben, neben kleinen Aufsätzen und Kurzgeschichten, immer wieder gescheitert, oft sogar schon nach dem Titel. Dabei hatte er so viele Ideen, mit denen er sich regelmäβig beschäftigte. Es waren gute Geschichten, dessen war er sich sicher. Sie warteten nur darauf ihre trostlose Existenz in seinen Gedanken zu beenden, um wohlformuliert auf dem Papier zum Leben zu erwachen und so auch andere Menschen erreichen zu können. Es war nicht nur seine Schuld, dass seine bisherigen Versuche immer so kläglich gescheitert waren. Nach der Überschrift folgten schon einige Male brauchbare Ansätze und vielversprechende Einleitungen, doch aus verschiedensten Gründen fanden alle seine Arbeiten ein plötzliches Ende. Scheinbar nur kleine Dinge waren Schuld daran, wie z.B. das falsche Schreibpapier, oder ein schmierender Stift, die seinen Gedankenfluss unterbrachen. Schriftsteller waren Exzentriker. Sie brauchten ihre eigenen Materialien, an denen sie sich festhalten konnten. Nachdem er dies erkannt hatte, basierten seine Vorbereitungen auf peinlichster Sorgfalt. Heute war alles ideal. Er war alleine und hatte genügend Zeit, das richtige Papier, den richtigen Federhalter. Nichts stand mehr seiner Kreativität im Wege. Sogar ein Glas und eine Flasche Wasser hatte er sich bereitgestellt, denn selbst so kleine Dinge konnten einen Künstler aus dem Rhythmus bringen, wenn er Beispielsweise während des Schreibens Durst bekam und deshalb nicht konzentriert genug weiterarbeiten konnte. Denn schon zwei Minuten zum Holen eines Getränkes genügten, um den Gedankenfluss dermaβen zu hemmen, dass die Fortsetzung der Arbeit gefährdet war. Dies hatte er alles begriffen und nach all den gescheiterten Versuchen, der wohl typischen Anfängerkrankheit, war heute der Tag gekommen, an dem er sein erstes groβes Werk zielstrebig und unwiderruflich begann. Noch saβ er da und überlegte, welche seiner Ideen er umsetzen würde. Am Anfang darf man nichts überstürzen. Ruhig eine halbe Stunde Zeit lassen, denn auch dies gehörte noch zu der genauen Vorbereitung. Ihm war klar, dass heute nicht gleich sein Meisterwerk entstehen würde. Er hatte noch viel zu lernen. Deshalb war es besser eine Geschichte zu wählen, dessen Handlungsstrang nicht zu kompliziert war. Andererseits musste er eine Geschichte mit einfacher Handlung besonders sorgfältig ausarbeiten, damit sie gut werde. So einfach war die Situation nicht, aber das hatte er auch nicht erwartet. Er atmete tief ein. Er blickte auf seinen Tisch, auf sein Werkzeug. Er betrachtete seine Tischlampe, die er noch nicht eingeschaltet hatte, obwohl es zu dieser Tageszeit schon recht dunkel war. Er sah aus dem Fenster. Es regnete. Die Wassertropfen fielen vom Himmel. Plitsch, platsch. Unendlich viele. Aber es waren nicht irgendwelche Wassertropfen, keine eingefärbten, geschmackvollen Tropfen, die von einer Teekanne herunterfielen. Aber auch keine Einzelnen, die an irgendwelchen Wasserhähnen hingen und lang und länger wurden, bis es sie endgültig nach Unten zog. Es war eine Armee aus Wassertropfen, die Wassertropfenarmee, im Fachjargon als Regen wohlbekannt. Und sie fielen nicht einfach herab. Sie stürzten sich mutig und entschlossen auf genau berechnete Zielgebiete, mit dem Wind als verbündeten. Er half ihnen auf ihrem weiten Weg zur Erde, das richtige Gebiet zu erreichen. Noch nie war ein Mensch aus einer solchen Höhe heruntergefallen - man beachte die Gröβenverhältnisse! Doch die kleinen Regentropfen lieβen sich verwegen Fallen, in vollem Bewusstsein, dass die meisten von ihnen ein grausames Ende finden würden. Und in der Tat war ihr Ende furchtbar. Nur wenige hatten das Glück von weichen nachgiebigen Blättern aufgefangen zu werden. Die meisten trafen auf harten, kalten Beton und Stein, auf Blech und Eisen, auf Kunststoff und Holz. Ihre Leiber wurden gegen Straβenlampen geschmettert, zerplatzten auf Regenschirmen, oder fielen in den gierigen, heiβen Schlund eines Hauses. Doch sie gaben nicht auf. Wie viele von ihnen waren schon gefallen, wie viele folgten noch? Sie klagten nicht und scheuten sich nicht, denn es war ihre Bestimmung. Und sie wussten, wenn auch die Moleküle eines Regentropfens beim Aufprall in alle Himmelsrichtungen geschleudert wurden und wenn auch ein solcher Tropfen nie wieder der Selbe sein wird, so fanden sie doch ihresgleichen und vereinten sich in Pfützen und Bächen, in Teichen und Seen und im Meer und im Boden. Sie wussten, sie waren eine Macht und niemand konnte sie aufhalten. Und sie dienten den Pflanzen als Nahrung und den Fischen als Heim. Denn sie sammelten sich im Boden, sickerten zu Bächen zusammen und flossen zu Seen und Flüssen, und strömten ins Meer, wo sie in Strömungen und Zeiten ihre Langen Wege begannen, die sie irgendwann in die Mittagssonne führten. Dort würden sie dann verdunsten und als Wolken so einfache wie auch schöne Bilder in den blauen Himmel malen und wieder lange Wanderungen beginnen, die sie dorthin brachten, wo sich der Ring in ihrem Dasein schloss, wo sie wieder zu dem wurden, was sie vor langer Zeit schon einmal waren: Regen. Und wieder würden sie sich entschlossen hinabstürzen und ihren weiten Weg gehen und somit ihr Kapitel im Kreislauf des Lebens und der Gezeiten schreiben. Denn ihre Wege waren vielfältig. Plitsch, platsch. Die Tropfen klopften ans Fenster? - nein, sie schlugen und trommelten, als wollten sie jemanden wecken. Die erste Seite des Heftes war immer noch jungfräulich, nur von dem korrekten, ordentlichen Streifenmuster geziert. Er saβ da und atmete. Er blinzelte mit den Augen und schluckte. Es war dunkel. Er hatte die Lampe nicht eingeschaltet. Er sah aus dem Fenster. Es regnete. |