The Long and Winding Road

Der Penner stand wie angewurzelt mitten auf dem Platz und hatte seinen Kopf in den Nacken gelegt. Seine ungepflegten Haare hingen hinten, sein langer Bart vorne herab. Es war ein herrlicher, sonniger Tag und die Augen des Mannes funkelten. Dann riβ er seine Arme hoch, reckte die Hände dem blauen Himmel entgegen und fing erst an sich zu wiegen und dann sich zu drehen. Und er lachte.
Die überwiegend Jugendlichen, die die meisten Sitzgelegenheiten um und auf dem Platz belegt hatten reagierten unterschiedlich. Manche lachten den Mann unverhohlen aus. Manche waren verunsichert. ältere Paβanten schüttelten ihren Kopf im Vorbeigehen. Doch allen gelang es für ein paar Momente nicht wegzusehen, mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen.
Den Penner schien nichts um sich herum zu intereβieren. Immer wilder drehte er sich und lachte dabei ununterbrochen bis er nicht mehr konnte. Dann wankte er freudig strahlend zu einem freien Platz auf einer Bank und setzte sich neben zwei junge Frauen, die beide nicht wuβten, wie sie reagieren sollten. Schlieβlich schien er nicht bedrohlich. Er wandte sich an sie und teilte ihnen mit lauter Stimme mit, daβ er sehr glücklich sei. Doch eine Reaktion oder Antwort intereβierte ihn nicht, schon hatte er sich wieder umgedreht, hielt sein Gesicht mit geschloβenen Augen der Sonne entgegen und nuschelte noch einmal "so glücklich."


Norwegian Wood

Thomas war vor 30 Jahren in Deutschland geboren. Nach der Schule und einer Fliesenlegerlehre hatte er mehrere Jahre gearbeitet und sich nach einem Urlaub in London beschloβen zu bleiben. Nachdem er zuhause alles geregelt hatte, kehrte er nach London zurück und begann dort mit Gelegenheitsarbeiten und immer mehr Abends in Kneipen zu Jobben. Es gefiel ihm. Er fühlte sich frei. Mit Anfang 30 war es das erste Mal seit vielen Jahren, daβ er sich vollkommen wohl fühlte, und nicht das Gefühl hatte irgendwem etwas beweisen zu müβen. Seine wenigen Kontakte hier hatten einen wesentlich höheren Wert als die vielen, oberflächlichen Freundschaften in seiner Heimat. Warum auch immer, hier schien er hinzugehören.
Nachdem er zwei Jahre so verbracht hatte traf er Julia. Sie faszinierte ihn sofort. Sie kam mit ein paar Freundinnen einfach durch die Tür in die kleine Eckkneipe und ihre Blicke kreuzten sich und irgendwie schien alles klar zu sein. Er bediente ihren Tisch bevorzugt, sie wechselten immer wieder ein paar Worte und nachdem er Feierabend hatte, fand er sich an ihrem Tisch wieder.
Irgendwann in der Nacht nahm sie ihn mit zu sich. Sie hatte ein kleines Zimmer in einem Schwesternwohnheim des hiesigen Krankenhauses und streng genommen waren Männerbesuche verboten. Niemand hielt sich daran. Als er in ihr Zimmer kam und sie ihm anbot sich zu setzen muβte er schmunzeln. Sie besaβ nicht einen Stuhl. Die paar knorrigen Möbelstücke, die garantiert nicht zur Standardauβtattung der Zimmer gehörten, seien aus norwegischem Holz, erzählte Julia. Sie betonte es voll stolz, so wie sie es von ihrem Vater übernommen hatte. Möbel für die Ewigkeit.
Als Thomas am nächsten Morgen erwachte war Julia schon weg. Er wunderte sich nur, wie sie das schaffen konnte und blieb fast bis Mittags liegen. Als er hinaus ging klappte er die Tür leise zu und schlich sich vorsichtig einen sehr langen Gang entlang mit dem Rücken zur vollbesetzten Kantine. Julia sah ihn.


The Long and Winding Road

Nach ein paar Monaten suchten sie sich eine gemeinsame Bleibe. Sie kam endlich aus dem Schwesternwohnheim raus, er kehrte seiner WG den Rücken. Sie kauften sich einen Kleinwagen, und hängten einen Stadtplan in den Flur, auf dem sie immer markierten, wo sie den Wagen geparkt hatten.
Zwei Jahre später wurde sie schwanger. Ihr Leben mit Arbeit und Freunden hatte sich eingespielt und so sahen sie sich einer neuen, freudigen Herausforderung gegenübergestellt. Nach langem hin und her beschloβen sie, als sich eine Gelegenheit ergab, in eine gröβere Wohnung umzuziehen. Da sie lange abwogen und unbedingt in ihrem Viertel bleiben wollten, fiel der Umzug fast zusammen mit der Geburt ihres Kindes. In der Woche nachdem sie ihre neue Behausung bezogen hatten erblickte Jonathan das Licht der Welt. Die kleine Familie hatte nicht viel, aber es war genug und sie waren glücklich. Thomas arbeitete inzwischen wieder als Fliesenleger und jobbte nur noch selten Abends in der nächstgelegenen Kneipe. Als Julia wieder zu arbeiten anfing muβten sie ihre Zeiten miteinander abstimmen, damit möglichst einer von ihnen sich um das Kind kümmern konnte. Waren beide gleichzeitig unterwegs, so kümmerte sich eine freundliche Seniorin aus ihrem Haus um Jonathan, die auch noch zwei andere Kinder aus dem Komplex betreute. Viel zu selten fanden sie so genug Zeit, um neben dem Alltag als Familie etwas zu unternehmen. Sie gingen dann zu einem nahegelegenen Spielplatz oder in den Zoo. Eines Tages, als sie auf dem Heimweg waren, kamen sie an der kleinen Eckkneipe vorbei, in der sich Julia und Thomas das erst mal begegnet waren. Sie hielten sich mit dem inzwischen anderthalbjährigen Jonathan auf dem Platz davor auf und Thomas spielte mit seinem Sohn, während Julia sich auf einer Bank ausruhte. Die Sonne schien und Thomas hob sein Kind hoch und drehte sich. Jonathan gluckste und lachte. Eine leichte Brise wehte und Thomas sah die lange Straβe hinab an deren Seite die wenigen Bäume und Büsche sich mit dem Wind und zu der Musik wogen. Irgendwo aus einem geöffneten Fenster erklang das Lied "The Long and Winding Road". Es war ein sehr schöner Tag.


Julia

Als Jonathan vier Jahre alt wurde kam er in eine Vorschule. Der Tagesrhythmus der kleinen Familie entspannte sich. Thomas und Julia arbeiteten beide gelegentlich am Wochenende doch ihre gemeinsamen Familienabende waren ihnen heilig.

Es war Abends als Ben beschloβ seine Freunde in der Disco aufzusuchen. Thomas kannte ihn nur entfernt, aus seiner aktiveren Zeit hinter dem Tresen. Ben war lange Zeit Stammgast in der nächstgelegenen Kneipe des Viertels und hin und wieder tauchte er auch in der Eckkneipe am Platz auf. Dann kamen die Probleme, Krankheit, Einsamkeit und zu viel Alkohol. Doch nun war er zurück. Er hatte sein Tief überwunden und wieder einen Job. Und er fühlte sich richtig gut. Eigentlich wollte er zuhause bleiben und ausgeschlafen und fit seinen neuen Job antreten, doch am Abend hielt er es nicht mehr aus, er muβte seine Freude mit Freunden teilen. Um nicht zu spät wieder heimzukommen und unabhängig zu sein setzte er sich ins Auto und fuhr ins nächste Viertel, wo in einer Disco eine kleine Feier zum langjährigen Bestehen stattfand. Er wollte nur Freunde treffen, etwas Quatschen und eine Cola trinken. Es kam anders. In den frühen Morgenstunden wankte er zu seinem roten Ford mit den schwarzen Rallyestreifen und hatte etwas Mühe den Wagen aufzuschlieβen. Er fühlte sich wie ein König. Noch ahnte er nicht, daβ er ab dem folgenden Tag nicht mehr gehen können würde.

Julia machte sich wie gewohnt früh Morgens fertig. Diese Woche hatte sie Frühschicht. Um fünf muβte sie im Krankenhaus erscheinen. Sie half momentan in der Notaufnahme aus und da war es besonders wichtig mit den Kollegen pünktlich die übergabe abzuschlieβen. Nach der Dusche einen kleinen Kaffee und eine Scheibe Brot. Dann ging sie nach drauβen und setzte sich ins Auto. Zur Frühschicht nahm sie immer den PKW, da dies praktischer war. Die Straβen waren noch leer. Sie muβte nur ein paar Blöcke fahren und stand wieder an der groβen Ampel, um die Hauptstraβe zu überqueren. Eigentlich war es lächerlich hier zu stehen, es war sowieso noch niemand auf den Beinen. Im Radio wurde gerade Julia von den Beatles gespielt. Sie sang mit. Dann sprang ihre Ampel endlich auf grün, sie kuppelte ein und fuhr los. Als sie sich in der Mitte der Kreuzung befand wurde sie von den Scheinwerfern des roten Fords geblendet. Sie hatte keine Chance.

Thomas kümmerte sich intensiv um seinen Sohn, der das einzige in seinem Leben war, der seine Trauer um den Verlust seiner Julia dämmen konnte. Es war nicht einfach für ihn Arbeit und Privatleben zu meistern. Seine Verwandtschaft bat ihn sich zu überlegen, nach Deutschland zurück zu kommen. Doch er tat sich schwer damit.
Schlieβlich war es die Diagnose, die ihm keine andere Wahl mehr lieβ. Nachdem Jonathan mit seinen fünf Jahren immer müder wirkte, folgte nach einem Arztbesuch ein Marathon durch die Fachabteilungen des Krankenhauses. Am Ende stand die Diagnose Leukämie und Thomas zog mit Jonathan zu seinen Eltern nach Deutschland zurück. Doch Thomas spürte, daβ er dort nicht bleiben konnte, es zog ihn fort.
Wenn Jonathan nicht im Krankenhaus war, war er dennoch überwiegend müde. Bei gutem Wetter hielten sie sich auf einer Wiese in Flughafennähe auf und beobachteten die startenden und landenden Maschinen. Meistens lag Jonathan dann auf Thomas und dieser erzählte seinem Sohn Geschichten über Reisen die sie noch unternehmen würden. Jonathan verhielt sich sehr reif und Thomas war sich nicht sicher, ob er die Ideen seiner Reisen nur ihm zuliebe unterstützte. Es war nach einem harten Jahr, als es Jonathan nach einem Aufenthalt im Krankenhaus etwas beβer ging. Nachdem sie etwas Zeit zuhause verbracht hatten, dachte Thomas daran in den Zoo oder einen Park zu gehen. Doch Jonathan wünschte sich wieder Flugzeuge zu beobachten. Also lagen sie auf ihrer Wiese, hatten etwas zu Picknicken dabei und ersponnen Abenteuer in fernen Ländern. Jonathans Fantasie war entfacht und er überschlug sich voller kindlicher Vorstellungen, bis er erschöpft war und auf Thomas Bauch einschlief und nicht mehr aufwachte.


Nowhere Man

Es verging fast ein Jahr, bis Thomas wieder fähig war alleine hinaus zu gehen. Doch schon ein paar Tage später war der Wunsch sich nach London zu begeben so stark, daβ er es nicht mehr aushielt. Es war ein verregneter Nachmittag, als seine Maschine in Heathrow landete und er liebte den Regen. Auf eigenartige Weise war er aufgeregt wie beim ersten Mal als er dort angekommen war. Er lieβ seinen Koffer in einem Schlieβfach und nahm die nächste Verbindung in sein geliebtes Viertel. Doch statt Trost überwältigte ihn die Ankunft wie ein Hammerschlag und er konnte es nicht ertragen dort zu sein.
Doch aus London weg wollte er auch nicht. Tief in ihm schlummerte die Hoffnung, daβ er nur hier von seinem Schmerz geheilt werden konnte. Er nahm sich ein Zimmer und begann in einer Kneipe zu arbeiten. Nach ein paar Wochen schmiβ man ihn raus, da er unzuverläβig und meist alkoholisiert war. Dann starb sein Vater, doch Thomas war nicht mehr in der Lage London zu verlaβen. Es kam immer öfter vor, daβ er Nachts nicht Heim fand. Er schlief seinen Rausch meist in einem dunklen Winkel oder unter einer Brücke aus und zog so durch die Straβen Londons und er wurde immer gleichgültiger. Seine Trauer hatte ihn wie eine Feβel gebunden und er war nicht in der Lage sie zu lösen. Inzwischen war er überzeugt, daβ niemand ihm je wieder die Traurigkeit nehmen könnte. Gleichzeitig mied er es das alte Viertel aufzusuchen. So schien er in jedem Winkel Londons leben zu können und zu müβen, nur nicht dort.
Doch es kam der Tag, an dem er wieder ziellos umherirrte und schlieβlich wieder auf dem Platz vor der Eckkneipe landete. Den Platz den er so geliebt hatte. Als ihm gewahr wurde, wo er sich befand, blieb er wie angewurzelt stehen. Er wollte weg, doch er konnte sich nicht rühren. Dann fiel sein Blick die Straβe hinab. Es war vertraut. Langsam hob er den Kopf gen Himmel und blickte in strahlendes Blau. Eine Brise umwehte ihn und er konnte nicht anders und hob seine Arme. In seinem Kopf spielte "The Long and Winding Road" und er sah Jonathan wie er in seinen Händen lag und gluckste. Sein Herz pochte wild und Thomas fing an sich zu drehen. Und Thomas drehte sich immer wilder und war voller Freude.
Und er lachte.
Und er lachte.